Copy

Wenn der Newsletter nicht richtig angezeigt wird, klicken Sie hier

Interview
Chris Precht über grüne Architektur:
 
„Ich bin mir sicher, dass sich die Architekturwelt in Zukunft ändern wird, ändern muss. Die Frage ist nur, ob wir selbst es sind oder ob wir dazu gezwungen werden.“

Chris Precht glaubt an grüne Architektur, an die Verbundenheit von Mensch und Natur, an ein neues Aufgaben- und Rollenverständnis von Architekten. Für den jungen österreichischen Baumeister muss Architektur im Angesicht von Klimawandel, Verstädterung, Digitalisierung und Migration gesellschaftliche Relevanz haben. Wie baut man umweltschonender, nachhaltiger, menschenfreundlicher, demokratischer? Eine Antwort könnte sein Entwurf des Farmhouses sein, der Architektur und Agrikultur miteinander verbindet und die Natur zurück in die Stadt bringt. 

Interview: Anja Koller

„Die Frage wie unsere Städte
in Zukunft funktionieren, ist
essentiell. Die müssen wir
Architekten beantworten. Und
die Natur spielt für mich dabei
die Hauptrolle.“

NXT A: Chris, du bist 35 Jahre jung, was macht deine Generation aus? Wie verändert sich durch den Generationswechsel der Anspruch an die heutige und zukünftige Architektur?

CP: Meine Generation ist nicht mehr definiert durch gewisse Stile, Epochen oder Regeln der Schönheit. Wir leben in einer Zeit, in der es wichtigere Dinge gibt. Dinge, die über unsere Zukunft, unsere Gesundheit, unser Leben entscheiden. Der Klimawandel ist Realität. Und eben Klimawandel, Luftverschmutzung, Urbanisierung aber auch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz – darauf müssen wir als Architekten reagieren. Architektur muss gesellschaftliche Relevanz haben.

NXT A: Hat sie das bis dato nicht? Was kritisierst du? Und was muss sich ändern, damit Architektur gesellschaftsrelevant wird?

CR: In den letzten Jahren haben wir unsere Städte vorrangig auf Basis von Profit weiterentwickelt. Der internationale Stil hat sich überall durchgesetzt, weil er profitabel ist. Egal ob Toronto, Bangkok oder London – unsere Städte schauen alle ähnlich aus. Architektur muss sich aber wieder mit dem Ort verwurzeln und mit dessen Kultur. So wie es früher einmal war.

„Der internationale Stil hat
schlichtweg Gebäudeintelligenz
und -tradition vernichtet. In
Zukunft wird es mehr um
Materialien gehen, um Formen,
um Diversität, um Regionalität.“

Die Frage wie unsere Städte in Zukunft funktionieren, ist essentiell. Die müssen wir Architekten beantworten. Und die Natur spielt für mich dabei die Hauptrolle.

NXT A: Was bedeutet das genau? Wie sieht deine Vision von Architektur aus?

CR: Grün. Ich glaube an grüne Architektur, an natürliche Materialien wie Holz, Pflanzen. Ich lebe und arbeite in den Salzburger Bergen, da sind meine Wurzeln. Zwischendurch habe ich ein paar Jahre in Beijing verbracht. Das, was Natur ausmacht, was sie mit dem Menschen macht, kann ich deshalb einmal mehr nachvollziehen. Ich baue selbst Obst und Gemüse an, lebe mit und in der Natur. Das will ich auf meine Projekte übertragen. So wie ich mir das urbane Wohnen in Zukunft und die Symbiose von Architektur und Natur vorstelle, wird in meinem Entwurf „Farmhouse“ deutlich. Hier verbinde ich Architektur und Agrikultur miteinander.
NXT A: Was ist das Farmhouse genau?

CP: Um das zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen. Als ich mich an den Entwurf gesetzt habe, hatte ich zwei Dinge im Kopf: Die Utopie, dass wir unsere Lebensmittel mitten in der Stadt selber anbauen, autark leben und uns selbst versorgen können. Die andere, dass wir es schaffen, zwei unökologische Industriebranchen nachhaltiger zu betreiben. Die erste Utopie entstammt meinem eigenen Lebensstil in den Bergen. Das, was ich hier in meinem eigenen Garten anbaue, an meinem eigenen Haus: Warum soll das nicht auch in Zukunft flächendeckend in der Stadt auf kleinem Raum, direkt an die Architektur angedockt, möglich sein?
NXT A: Und das andere, das dir durch den Kopf ging...

CP: ...waren die Bauindustrie und die Landwirtschaft. Erstere ist der größte Produzent von CO2 weltweit, verbraucht Unmengen an Energie und Rohstoffen; die Landwirtschaft wiederum verbraucht weltweit circa 70 Prozent unseres Trinkwassers. Unsere Städte wachsen unaufhörlich, immer mehr Menschen leben im urbanen Raum. Sie wollen sich alle gut ernähren. Sie wollen alle irgendwo wohnen. Das schaffen wir nicht mit unserem aktuellen Lebensmittelproduktionssystem und auch nicht mit unserer Bauwirtschaft – zumindest nicht, wenn wir die Umwelt nicht weiter zerstören und unser Klima vor dem Kollaps bewahren wollen. Wir brauchen also eine klimafreundliche, ökologische Alternative...
 
NXT A: ... und deshalb verschmelzen in deinem Konzept des Farmhouses Architektur und Anbaufläche zu einem großen Ganzen?

CP: Das ist der theoretische Ansatz, richtig. Wir wollen die Menschen in der Stadt wieder mit dem Prozess in Verbindung bringen, die eigene Nahrung selbst anzubauen. Gleichzeitig soll die Architektur ökologisch, nachhaltig, gesundheits- und gemeinschaftsfördernd, aber natürlich auch ästhetisch sein.


NXT A: Welches bauliche Konzept versteckt sich hinter dem Entwurf?

CP: Es basiert auf einer schnell aufbaubaren A-Frame-, also diagonalen Struktur. Ein modulares System, das man auf verschiedene Größen anwenden kann – vom Single-Haushalt bis zur Mehrfamilienwohnung. Und es funktioniert in der Höhe. Das ist für unsere immer schneller wachsenden Städte ein wichtiger Punkt. Im Farmhouse soll man leben, arbeiten, seine Freizeit verbringen und eben auch Nahrungsmittel anbauen können. Alles was innerhalb der A-Struktur ist, ist Lebensraum, alles was in der V-Struktur ist, potentielle Anbaufläche mit Gewächshäusern mit verschiedenen Klimazonen.
NXT A: Was ist mit dem Material? Woraus besteht das Farmhouse?

CP: Aus Massivholzplatten, genauer Brettsperrholz (cross-laminated timber), das vor etwa dreißig Jahren in Österreich entwickelt wurde. Zur Verwendung des Materials hat man ausgiebig geforscht, da es ursprünglich nur für Einfamilienhäuser vorgesehen war. Dadurch dass das Holz aber über Kreuz laminiert ist, schwindet oder expandiert es nicht mehr, man kann also in die Höhe bauen. Einige höhere Gebäude aus Holz gibt es auch schon – bis zu 15 Stockwerke sind momentan möglich.


NXT A: Chris, du hast ja betont, dass wir wieder regional, divers bauen müssen. Könnte das Farmhouse denn überall stehen, in jeder beliebigen Stadt? Das würde dem eigentlich widersprechen?

CP: Ja und nein, wenn man das Farmhouse in einer Stadt mit sehr schwülem Klima bauen will – was für Holz generell nicht so optimal ist – muss das jeweilige Holz entsprechend „eingepackt“, entsprechend behandelt werden. Als Tragstruktur funktioniert Holz in dem Fall trotzdem, aber es braucht eine andere Fassade – die muss man an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. Und dann sind wir wieder bei der Regionalität angelangt.
NXT A: Wir erleben im Moment, vor allem von vielen Jugendlichen weltweit ein Aufbegehren, dass wir – wenn wir nicht umdenken und etwas gegen den Klimawandel tun – sie ihrer Zukunft berauben. Ein Ansatz wie deiner könnte wertvolle Impulse für eine klimafreundlichere Stadtentwicklung liefern....

CP: Die Politik hat das Thema Nahrungssicherheit in der Stadt schon auf der Agenda. In London oder Vancouver denkt man intensiv darüber nach, wie man die Bewohner unabhängig vom Umland, unabhängig vom Ausland, quasi autonom und aus der Stadt heraus ernähren kann. Viele Städte fördern urban gardening, setzen auf Dachbegrünung und auf Dachgärten. Das Umdenken kommt nicht sofort, aber es sind Ansätze da. Auch die Schülerproteste zeigen, dass eine andere Generation heranwächst, die anders leben will. Architektur kann viel dazu beitragen: Wir können Gebäude wie das Farmhouse bauen, um die sich die Bewohner selbst kümmern, die ihnen einen Mehrwert versprechen, die langlebig sind.
 
NXT A: Ist denn die Architekturbranche überhaupt schon so weit, umzudenken, sich zu ändern, sich den Herausforderungen, die da kommen, zu stellen?
 
CP: Ich bin mir sicher, dass sich die Architekturwelt in Zukunft ändern wird, ändern muss. Die Frage ist nur, ob wir selbst es sind, die das initiieren oder ob wir von außen dazu gezwungen werden. Das erleben wir ja gerade im Bereich der Mobilität, die von der Tech-Industrie verändert wird; denken wir nur an Uber, Hyperloop, oder autonomes Fahren. Die Autoindustrie war einfach zu langsam und zu uneffektiv, sodass dieser Wandel von außen kommen musste. So etwas könnte auch die Bauindustrie ereilen.

NXT A: Was würde das bedeuten?

CP: ... dass die Architekten in Zukunft vielleicht nicht mehr Rem oder Bjarke heißen, sondern Google oder Alibaba. Man darf nicht vergessen: In Gebäuden lassen sich viele Daten sammeln. Da wäre die Architekturindustrie doch ein sehr gutes next big thing für diverse Tech-Companies.
„Wenn wir nicht umdenken, dann
heißen die Architekten der
Zukunft nicht mehr Rem oder
Bjarke, sondern Google und
Alibaba.“
Fotos (5): Chris Precht
ABOUT CHRIS PRECHT:
Chris Precht, 35, hat an der Technischen Universität Wien Architektur studiert. Er und seine Frau Fei, ebenso Architektin, verbrachten einige Jahre in Beijing und gründeten dort ihr Büro Penda. 2017 ging es zurück nach Österreich in die Salzburger Berge, wo sie ihr Studio Precht gründeten. Precht ist spezialisiert auf grüne Architektur, an Architektur, die mit natürlichen Materialien errichtet wird und Pflanzen am Gebäude einen Platz gibt.
nxt-a.de
Facebook
Instagram
Copyright © 2019 NXT A by Georg GmbH & Co.KG, All rights reserved.


Abmelden