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NEWSLETTER 6/2019

28. November 2019

DIE MENSCHEN HINTER DEN «DOPPELTÜREN»
HEUTE MIT CLAUDIA DEGEN-MÜLLER

Wenn jemand weiss, wie es ist, in einem Doppeltürhaus zu leben, dann ist es Claudia Degen-Müller, denn sie hat einen grossen Teil ihres Lebens in einem gewohnt. Der Verein «Doppeltür» durfte das schöne Doppeltürhaus am Dorfplatz Anfang dieses Jahres von ihr erwerben. Zurzeit nimmt die Umwandlung des Hauses zum Besucherzentrum als Herzstück des Projekts – wenn auch erst auf dem Papier – immer mehr Gestalt an. Höchste Zeit also, in die faszinierede Geschichte dieses besonderen Hauses und seiner Bewohnerinnnen und Bewohner einzutauchen.

MITTENDRIN

Das Haus, mitten im Lengnauer Dorfkern, direkt am Dorfplatz, wurde um 1850 erbaut. Nach Marx Weil, der Schuster war, bewohnte Rabbiner Dreifuss viele Jahre das Haus zwischen Mikwe und Synagoge. Umso erstaunter musste meine Urgrossmutter, Magdalena Müller-Bucher, über das überraschende Angebot gewesen sein. 1895 klopfte Marie Schlesinger-Bernheim, eine jüdische Mit-Lengnauerin, an und teilte mit, dass sie das Haus mitten im Dorfgeschehen verkaufen möchte, an sie, die christliche Witfrau mit den vier Kindern, die es alles andere als einfach im Leben habe. Das Haus bot genügend Platz für die Grossfamilie.
 
Als geschäftstüchtige Frau führte meine Urgrossmutter Magdalena das «Colonialwarengeschäft» der Familie Schlesinger weiter. Meine Grosseltern Franz und Frida Müller-Schmid erweiterten das Geschäft und 1918 war mein Grossvater einer der Mitbegründer der Raiffeisenbank Lengnau-Freienwil. Die Bank quartierte sich im Haus ein und wurde von meinem Grossvater Franz verwaltet. Damit die Wertsachen und das Geld sicher im Haus verwahrt waren, wurden die Fenster im Erdgeschoss mit Eisen verstärkt. Wer heute am Haus vorbeispaziert, sieht diese Sicherheitsmassnahme von damals noch immer.
 
Das grosselterliche Geschäft lief so gut, dass 1934, 16 Jahre nach der Bankgründung, der grosse Umbau angepackt werden konnte. Stadtarchitekt Köpfli aus Waldshut, ein entfernter Verwandter von uns, erweiterte das Gebäude mit dem heutigen charakterstark geschwungenen Dach, baute Erker und Lauben ein, auch eine Dachterrasse durfte nicht fehlen, alles ganz in der Art des damals beliebten Jugendstils.
 
So wurde das stattliche Haus am oberen Dorfplatz, schräg gegenüber der Synagoge gelegen, über viele Generationen zum Mittelpunkt meiner Familie und Geschichte. Es war mit Leben gefüllt: Meine Eltern mit uns drei Geschwistern, meine Grossmutter und mein Onkel wohnten über dem Lebensmittelladen und der Bank. Ein ständiges Kommen und Gehen war für uns alltäglich. Da waren die christlichen und jüdischen Dorfplatz-Nachbarn, die gerne vorbeischauten und sich mit meinem Vater und Onkel über das neueste Dorfgeschehen austauschten. Da war Frau Sherwood vom Altersasyl, eine kleine zierliche Frau mit immer demselben schönen eleganten Hut mit grosser Schleife, die sich auf Englisch mit meiner Mutter über ihre Karriere als Balletttänzerin in London unterhielt. Da war Frau Renée Guggenheim und Herr Jacques Oppenheim aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die uns um Ostern zu unserer grossen Freude das köstliche ungesäuerte Brot, die Mazzen, vorbeibrachten.

Da waren aber auch die jüdischen Feiertage und Hochzeiten. Wir Kinder vom Dorfplatz guckten dann hinter dem schweren, roten Vorhang am Eingang der Synagoge den Zeremonien gespannt zu. Das Geschehen war so anders als dasjenige in unserer Dorfkirche. Uns beeindruckten die schwarz gekleideten Männer mit den strahlend weissen Hemden und grossen Hüten mächtig. Den jüdischen Gesängen des Männerchors aus Zürich lauschten wir andächtig, für unsere Kinderohren so viel mystischer als die Lieder unseres Kirchenchores in der Sonntagsmesse.
 
Das Miteinander von Christen und Juden prägte das Dorfgeschehen und unsere Familie. Dass das grosse Haus am Dorfplatz Anfang dieses Jahres an den christlich-jüdischen Verein Doppeltür verkauft wurde, entspricht dem Geist des Hauses, der Offenheit meiner Vorfahren gegenüber anderen Kulturen und ist ganz im Sinne meiner heutigen Familie. Das neue Doppeltürhaus wird weiterhin ein lebendiges Zentrum für Lengnau bleiben und uns verbinden – mitten im Dorfgeschehen.
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